Wenn man an traditionelle Kampfkunst denkt, hat man sofort Bilder im Kopf: Strenger Gehorsam, kniende Verbeugungen vor dem Grossmeister und stundenlanges Wiederholen von langweiligen Grundschritte-Formen. Doch der britische Kampfkunst-Experte Andy McCormack hält von diesem verstaubten Image herzlich wenig. Im grossen Gespräch rechnet Andy McCormack mit dem Ego-Zirkus in Dojos ab, erzählt von seinen Anfängen als Teenager, erklärt, warum Samurai niemals „unbewaffnet" waren, und verrät, warum echtes Training viel mehr mit Coaching als mit Drill zu tun hat.
Bushu: Andy, erzähl mal: Was macht für dich eigentlich einen guten Kampfkunst-Lehrer aus?
Andy McCormack: Dein Job als Lehrer ist es, die Skillsets deiner Schüler zu erweitern – und zwar konstant. Das grösste Problem, das ich bei vielen Trainern sehe? Sie leiten im Grunde nur eine Fitness- oder Aerobic-Klasse. Sie führen dich durch ein paar Übungen, und du zollst ihnen Respekt, nur weil sie den höheren Gürtel haben. Das ist der völlig falsche Weg und reines Ego. Ein guter Lehrer schaut sich die individuellen Fähigkeiten eines Schülers an und gibt ihm genau die Übung, die ihn besser macht. Das muss nicht mal sklavisch nach Lehrbuch sein, solange das Prinzip stimmt.
Bushu: Aber das war doch früher in den traditionellen Kampfkünsten anders, oder?
Andy McCormack: Überhaupt nicht, das war im Grunde schon immer dasselbe. Früher hattest du im Westen viele Trainer mit einem extrem niedrigen technischen Niveau, aber einem riesigen Titel. Sie verbrachten ihre ganze Zeit damit, diesen Status zu verteidigen nach dem Motto: „Mach, was ich sage, nicht was ich tue". Schau mich an: Ich bin zurzeit 57 Jahre alt, ein bisschen rundlich, aber ich bin immer noch schneller als die meisten jungen Typen! Viele Trainer beschreiben eine Technik, machen aber körperlich etwas völlig anderes. Die Verwirrung bei den Schülern entsteht genau dadurch. Ein alter Karate-Lehrer von mir, Doug James, hat mir damals eine Lektion fürs Leben beigebracht: Du siehst deine eigenen Fehler durch deine Schüler. Wenn du denkst „Was zur Hölle machen die da?!", dann liegt es oft daran, dass du es ihnen unbewusst genauso vorlebst.
Bushu: Und warum halten so viele Trainer ihre Schüler dann künstlich klein?
Andy McCormack: Weil viele Organisationen am Ende rein finanziell existieren. Du bist im Grunde deren Einkommen. Die wollen nicht, dass du zu gut wirst, anfängst Fragen zu stellen oder eine eigene Gruppe aufmachst. Das ist pure Kontrolle und Ego. Ich sage ganz klar: Meine Aufgabe ist es nicht, dir um jeden Preis voraus zu sein. Meine Aufgabe ist es, einen Weg zu finden, dich zu inspirieren – damit du am Ende besser wirst als ich!
Bushu: Lass uns mal über das Training selbst sprechen. Was hältst du vom traditionellen Kihon-Kata-Training? Man hört oft den Spruch: „Wiederhole eine Kata zehntausend Mal"!
Andy McCormack: Das ist kompletter Bullshit! Wenn du eine Anfänger-Kata 20 Jahre lang einfach starr runterleierst, bist du nach 20 Jahren in deinen Bewegungen immer noch ein White Belt. Natürlich brauchst du die Grundschritte für Anfänger, weil sie den Kram noch nicht besser können. Aber du musst das transzendieren! Wenn du in den Dojo kommst, verschwende nicht meine und deine Zeit damit, den Anfänger-Walk zu wiederholen. Du gehst ins Dojo für den echten Funken, für Timing, für Bewegungsökonomie. Wenn ein Schwarzgurt von einem Anfänger gestoppt wird, nur weil er im Kopf bei dieser starren Anfänger-Struktur hängengeblieben ist, läuft gewaltig was schief. Du trainierst, um besser zu werden – du kommst nicht ins Dojo, um alte Fehler zu wiederholen.
Bushu: Wie bist du überhaupt damals zum Kampfsport gekommen?
Andy McCormack: Ich habe mit etwa 12, 13 Jahren mit westlichem Jiu-Jitsu angefangen. Kurz danach kam Karate dazu. Damals, in den 80ern, kamen die ersten japanischen Einflüsse rüber, aber viele westliche Organisationen haben die Japaner auf Distanz gehalten, um die Kontrolle und das Geld zu behalten. Als wir dann später direkten Zugang zu den japanischen Meistern bekamen, wurde schlagartig klar, dass das, was uns jahrelang als „authentisch" verkauft wurde, meilenweit an dem vorbeiging, was die Japaner tatsächlich machten.
Bushu: Apropos Tradition: Wie siehst du diesen ganzen Hype um alte Koryu-Stile, das Tragen von traditioneller Kleidung und das ganze Drumherum?
Andy McCormack: Um ehrlich zu sein: Eines meiner Lieblingsthemen, über das ich mich totlachen kann, sind diese College-Typen, die sich wie Samurai verkleiden. Sie kaufen sich extrem teure japanische Schwerter, machen auf dicke Hose, aber wenn es drauf ankommt, können sie schlicht und einfach nicht kämpfen. Sie haben null physische Fähigkeit, gleichen das aber mit Geld, teuren Klamotten und grossen Worten auf der Tastatur aus. Nase an Nase im Dojo sieht das dann ganz schnell anders aus. Ich habe für diese Art von Poserei Null Toleranz.
Bushu: Andys Ansichten dazu sind unverkennbar: Und wie steht es um den Mythos, dass Jiu-Jitsu die waffenlose Kampfkunst der Samurai war?
Andy McCormack: Das ist eine total dämliche Aussage! Die Samurai waren niemals unbewaffnet. Sie liefen permanent bewaffnet herum, selbst in ihren Häusern. Altes traditionelles Jiu-Jitsu dreht sich im Kern zu 100 Prozent um Waffen: um Klingen, Waffenkontrolle und den Übergang zum Schwert. Wenn du mein Handgelenk greifst, tust du das im klassischen Kontext nicht, weil du Hand-Händchen halten willst, sondern weil du mich daran hindern willst, meine Klinge zu ziehen. Jede Bewegung in der Kata hat einen waffentechnischen Hintergrund.
Bushu: Woher hast du eigentlich diesen starken Fokus auf Coaching und Methodik? Du hast mal erwähnt, dass dir da auch andere Erfahrungen geholfen haben.
Andy McCormack: Ja, ich habe unglaublich viel über das Lehren gelernt, als ich Skydiving und im Skydiving-Umfeld unterrichtet habe. Wenn du dort in Hochstresssituationen das Falsche sagst, stirbt im schlimmsten Fall jemand. Das zwingt dich dazu, deine eigenen Erklärungen gnadenlos zu analysieren: Was habe ich ihnen gerade gesagt? Was machen sie stattdessen? Oft machen Schüler genau den Fehler, den du ihnen gerade verboten hast – weil du ihn unbewusst selbst vorgelebt hast. Martial-Arts-Teaching ist im Vergleich dazu oft auf einem sehr niedrigen Trainer-Level. Viele verwechseln stupides Wiederholen mit echtem Coaching.
Bushu: Lass uns über Hierarchien reden. Was bedeutet für Andy McCormack das Konzept von Kohai (Junior) und Sensei?
Andy McCormack: Viele westliche Leute denken, Kohai sei eine Position der Autorität. Das ist kompletter Unsinn. Es ist eine Position der Verantwortung. Wenn du jemanden als deinen Junior akzeptierst und unter deine Fittiche nimmst, bist du für ihn verantwortlich. Du musst ihn nach oben ziehen, ihn entwickeln und dafür sorgen, dass er wächst. Das ist eine rein persönliche 1-zu-1-Beziehung. Und was den Titel „Sensei" angeht: Im Westen denkt direkt jeder mit einem Schwarzgurt, er hat die absolute Macht und alle müssen ihn ewig so nennen. Das ist ein riesiger Ego-Bullshit! In Japan gehst du in ein traditionelles Dojo: Wenn der Meister nicht da ist, nennst du die anderen Schwarzgurte beim Namen mit dem Suffix -san, weil sie eben nicht der Lehrer dieses Dojos sind. Sie sind dort im Kontext ebenfalls Schüler.
Bushu: Wenn wir über Selbstverteidigung und echtes Anwenden sprechen: Was unterscheidet das starre Training von der Realität?
Andy McCormack: Viele erzählen dir: „Wir trainieren für die Strasse!" – und ich frage mich immer: Für welche Strasse genau? Die Leute, die das am lautesten rufen, haben oft nicht eine einzige Narbe am Körper. Sie spielen im Training ein höfliches Patty-Cake-Spiel. Wenn dich draussen jemand angreift, der wirklich weiss, was er tut – vor allem, wenn er dich überrascht –, ist das Ding nach ein paar Sekunden vorbei. Dir zu erzählen, du könntest dich nach einem Handgelenk-Griff mal eben umdrehen, ihm ins Ohr beissen und entkommen, ist ein Märchen für Dumme. Deswegen hält Andy McCormack nichts von dieser Pseudo-Toughness, die den Leuten nur ein falsches Gefühl von Sicherheit gibt.
Bushu: Aber es gibt doch eine enorme psychologische Komponente im Kata-Training, oder?
Andy McCormack: Oh absolut, die psychologische Programmierung ist riesig. Wenn wir im Training in diesen Tunnel kommen, gibt es dieses Fudōshin – den unerschütterlichen Geist. In dem Moment, in dem du mich berührst, schalte ich mental auf den Sieg um: Ich besitze dich, du bist am Boden. Du übst im Kopf, dass du die absolute Kontrolle besitzt. Das baut eine enorme psychologische Präsenz und Aggression auf. Du lernst, diese Energie in einem Bruchteil einer Sekunde freizusetzen und im nächsten Moment sofort wieder zu kontrollieren und herunterzuregeln. Das ist ein völlig anderes Trainingslevel, das man erst nach Jahren versteht.
Bushu: Zum Abschluss, Andy: Was möchtest du jedem Kampfkunst-Macher mit auf den Weg geben, der das hier liest?
Andy McCormack: Erweitere dein eigenes Skillset. Hör auf, im Anfänger-Modus festzustecken. Und für uns Lehrer gilt: Mach deine Schüler besser als dich selbst. Such nach dem echten Timing, arbeite an der Bewegungsökonomie, lass sie deine Technik spüren. Es gibt keine magische Abkürzung, kein System, das dir alles schenkt – es ist eine verdammte Reise. Du musst einfach immer am Ball bleiben und weitergehen.
Dieses Interview wurde mit Andy McCormack geführt.
Andy McCormack ist der Motoha Yōshin Ryū British Sōhonbu-chō, 8th Dan Hanshi und Menkyo Kaiden.
Von Seiten Bushu führte das Interview Petra Hesse.
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